Industrialisierung
Die Anfänge der Industrialisierung Mössingens gehen auf die Hausindustrie zurück. Bürgermeister Zenneck, der sein Amt zur Zeit der großen Hungersnöte (um 1840) ausübte, unternahm verschiedene Versuche, die wirtschaftliche Not der Bevölkerung zu lindern. Unter anderem gründete er eine Strickanstalt, die von 64 Lehrlinge besucht wurde. Dort lernten sie, Unterwäsche, Strümpfe und Handschuhe herzustellen. Ziel der Ausbildung war, mit der Produktion eigener Strickerzeugnisse ein Auskommen zu finden.
Unmittelbar nachdem Mössingen 1869 an das württembergische Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, begann die heiße Phase der Industrialisierung. Mössingen war Industriestandort geworden, dessen großes Arbeitskräftepotential – bei gleichzeitig niedrigem Lohnniveau – bald das Interesse auswärtiger Industrieunternehmer weckte. 1871 entstand die Seidenspinnerei Amman und Söhne, im selben Jahr die Mechanische Buntweberei Hummel, und im Jahre 1900 eröffnete die Mechanische Buntweberei Gebr. Burkhardt aus Pfullingen eine Zweigstelle in Mössingen. Neben den Textilbetrieben wurden in Mössingen zwei Zementwerke gegründet. 1873 entstand die Zementfabrik German Mundig und 1897 die Zementfabrik Martin Neth, die die heimischen Kalksteinvorkommen nutzten und mit Hilfe des ebenfalls vor Ort vorhandenen Posidonienschiefers Zementsteine produzierten.
Alles in allem verfügte Mössingen um die Jahrhundertwende, je nach Konjunkturlage und unternehmerischer Geschäftspolitik, über rund 250 bis 350 industrielle Arbeitsplätze, und dieser Bestand blieb im wesentlichen bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges erhalten. Aus wirtschaftlicher Not betrieben die Mössinger Industriearbeiter nebenher weiterhin Landwirtschaft.
Die Mössinger Fabriken erlebten gute und schlechte Zeiten. Immer wieder wechselten die großen Firmen ihre Besitzer. Im Jahre 1925 erwarb die Firma C. C. Merz die Anlage der Seidenspinnerei Amman und Söhne in der Berggasse.
Die Löhne in den Fabriken waren bis zum Zweiten Weltkrieg niedrig. Ein Junge, der unmittelbar nach Beendigung der Schule mit 14 Jahren als Hilfsarbeiter bei Bischoff in Talheim begann, verdiente 14 Pfennig die Stunde, ein älterer Arbeiter, der im Akkord schuftete, kam auf ungefähr 70 Pfennig. Gearbeitet wurden damals 10 Stunden am Tag.
Während des Krieges produzierten einheimische Firmen vor allem für das Militär. Die Firma Bischoff fertigte Munitionskisten, Liegestühle für Lazarette und Hocker für Kasernen. Bei Gauger wurden Militärhocker, Tische und Stühle für Kasernenkantinen, Speisesäle und betriebliche Gefolgschaftsräume hergestellt. Merz fertigte Trainingsanzüge für das Heer. In allen Fabriken waren während des Krieges Zwangsarbeiter beschäftigt.
Katalog zur Gewerbeschau vom 21. Mai bis 14. Juni 1925
Aus einem Werbekatalog der Holzwarenfabrik Hantzsche von 1939
Die Holzindustrie gehörte damals in Mössingen zu den Gewinnern. Im Bild ist eine Holzkommode der Firma Maier zu sehen.
Karl Nagel als "Schwabe verkleidet" in den 30er Jahren auf einem Messestand der Firma Pausa in Berlin.